Kunsthalle, Foto: Achim Kukulies
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Kunsthalle Düsseldorf

Kunsthalle, Foto: Achim Kukulies
Kunsthalle, Foto: Achim Kukulies
Kunsthalle, Foto: Achim Kukulies
Kunsthalle, Foto: Achim Kukulies

Grabbeplatz 4
40213 Düsseldorf
Tel.: 0211 89 962 40
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Öffnungszeiten:

Di-So 11.00-18.00 Uhr

Räume der Erinnerung

07.07.2012 - 09.09.2012
Er­in­ne­run­gen kön­nen süß sein oder schmerz­haft. Mal schwel­gen wir in ih­nen, mal trü­gen sie, mal ver­las­sen sie uns. Es gibt Er­in­ne­run­gen, die wir um kei­nen Preis ver­lie­ren möch­ten und an­de­re, die wir mög­lichst zu um­ge­hen ver­su­chen. Ein
be­stimm­ter Ge­ruch kann aus­rei­chen, um ei­nen gan­zen Le­bens­ab­schnitt zu ver­ge­gen­wär­ti­gen, ob wir es wol­len oder nicht.
Un­ser Ver­hält­nis zur Ver­gan­gen­heit ist vom Wis­sen um die un­über­brück­ba­re Dis­tanz zu ihr ge­prägt. Ein­zig die Er­in­ne­rung ver­mag Ver­gan­ge­nes wie­der ans Licht der Ge­gen­wart zu ho­len; ein Vor­gang al­ler­dings, der nicht oh­ne In­ter­pre­ta­ti­on und Se­lek­ti­on ab­läuft und da­mit per se kon­stru­iert und lü­cken­haft ist. Ei­ne na­he­zu me­lan­cho­li­sche Kom­po­nen­te ent­hält sie über­dies: Um ins Be­wusst­sein zu ge­lan­gen, muss die Er­fah­rung, auf die sie sich be­zieht, erst ab­ge­schlos­sen sein – Er­in­ne­rung setzt im­mer ei­nen Ver­lust vor­aus. Und doch ist sie nicht nur zu­rück­ge­wandt, son­dern bie­tet zu­kunfts­wei­sen­des Po­ten­ti­al: Wir nut­zen Er­in­ne­run­gen zur Be­stä­ti­gung der Ge­gen­wart, zum An­stoß von Er­neue­run­gen oder zur Be­fra­gung des ei­ge­nen Stand­punk­tes. Er­in­ne­rung dient der Selbst­ver­ge­wis­se­rung, sie stif­tet Iden­ti­tät.
Der Dis­kurs über Er­in­ne­rung hat mit der ste­ten Me­dia­li­sie­rung un­se­rer Ge­sell­schaft, der Im­ma­te­ria­li­sie­rung al­ler Da­ten und den da­mit ver­bun­de­nen Mög­lich­kei­ten das Ge­dächt­nis zu ver­äu­ßern, zu­neh­mend an Be­deu­tung ge­won­nen, was sich auch in der zeit­ge­nös­si­schen Kunst­pro­duk­ti­on nie­der­schlägt. In der Be­schäf­ti­gung mit Er­in­ne­rung ist der Raum (und zwar nicht im Sin­ne ei­nes Punk­tes auf der Land­kar­te, son­dern als so­zia­les Ge­fü­ge) die viel­leicht wich­tigs­te Ka­te­go­rie. In Räu­men wer­den Er­in­ne­run­gen ge­spei­chert und kon­ser­viert, ge­ord­net und fest­ge­schrie­ben. Da­für ist die Kunst ein tref­fen­des Bei­spiel: Ein­mal in den Ka­non mu­sea­ler Samm­lun­gen auf­ge­nom­men, ver­kör­pert sie nicht nur ei­nen Teil un­se­res kol­lek­ti­ven Ge­dächt­nis­ses, son­dern ist auch selbst maß­geb­lich an des­sen Pro­duk­ti­on be­tei­ligt. Im Auf­bau von Er­in­ne­rungs­räu­men kommt Künst­le­rIn­nen da­her ei­ne be­son­de­re Rol­le zu: Sie kom­mu­ni­zie­ren zwi­schen Epo­chen und Ge­ne­ra­tio­nen und tra­gen da­zu bei, dass der Fun­dus un­se­res ge­mein­sa­men Wis­sens nicht ver­lo­ren geht. Gleich­zei­tig sind ih­re Wer­ke nicht sel­ten kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit die­sem Wis­sen, in­dem sie den ge­ge­be­nen Ka­non der Ge­schichts­schrei­bung un­ter­wan­dern oder be­fra­gen. Kunst kann al­so selbst als ei­ne Tech­nik der Er­in­ne­rungs­schrei­bung be­trach­tet wer­den.
Die Aus­stel­lung Räu­me der Er­in­ne­rung wid­met sich so­wohl den Me­di­en des Spei­cherns und Ar­chi­vie­rens von Er­in­ne­rung als auch der künst­le­ri­schen Re­fle­xi­on von Ge­schich­te. In den Wer­ken der sechs Künst­le­rin­nen und Künst­ler ent­fal­tet sich ei­ner­seits auf le­ben­di­ge Art und Wei­se wie Er­in­ne­run­gen, die zu­nächst im­mer auf ei­ner in­di­vi­du­el­len Er­fah­rung be­ru­hen, all­ge­mein ver­bind­lich wer­den kön­nen. An­de­rer­seits be­schäf­ti­gen sie sich mit der Zer­stö­rung und Über­schrei­bung von „Er­in­ne­rungs­denk­mä­lern“, the­ma­ti­sie­ren die Ver­gäng­lich­keit und Ver­än­der­bar­keit von Er­in­ne­rung oder be­han­deln die Re­kon­struk­ti­on, Neu­struk­tu­rie­rung von Ge­dächt­nis­räu­men und die Lü­cken in ih­nen.
An­ri Sa­las (*1974, Ti­ra­na) Vi­deo­ar­beit By­rek (1999), steht ganz im Zei­chen ei­nes iden­ti­täts­stif­ten­den Ri­tu­als, das der Künst­ler of­fen­sicht­lich zu be­wah­ren ver­sucht: die täg­li­che By­rek­zu­be­rei­tung sei­ner ei­ge­nen Groß­mut­ter. Per­sön­li­che Er­in­ne­run­gen an die ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te über­la­gern sich hier mit der all­ge­mei­nen Schwie­rig­keit, die Tra­di­tio­nen der ei­ge­nen Her­kunft über räum­li­che und zeit­li­che Dis­tanz zu wah­ren und wei­ter­zu­ge­ben.
Auch in Ka­der At­ti­as (*1970, Sei­ne-Saint-De­nis) Bo­den­skulp­tur Cous­cous (2009) ist ei­ne be­stimm­te Nah­rung glei­cher­ma­ßen das exis­ten­ti­el­le Le­bens­mit­tel ei­ner be­stimm­ten geo­gra­fi­schen Re­gi­on und Trä­ger in­di­vi­du­el­ler Er­in­ne­rung. Das Ge­trei­de ist zu ei­ner hü­ge­li­gen Land­schaft auf­ge­schüt­tet, die al­ler­dings von Leer­stel­len durch­setzt ist. Die Lö­cher ru­fen As­so­zia­tio­nen an die Aus­lö­schung oder das Ver­schwin­den gan­zer Städ­te und Völ­ker her­vor.
Er­in­nern und Ver­ges­sen, Schrei­ben und Über­schrei­ben ist eben­falls für
Mir­cea Can­tors (*1977, Ora­dea) Vi­deo­ar­beit Tra­cking Hap­pi­ness (2009) zen­tral. Weiß ge­klei­de­te Frau­en lau­fen hin­ter­ein­an­der im Kreis. Je­de hält ei­nen Be­sen in der Hand, mit der sie die Spur ih­rer Vor­gän­ge­rin ver­wischt und gleich­zei­tig selbst ei­ne neue hin­ter­lässt, die eben­falls im nächs­ten Mo­ment über­schrie­ben wird. Wie ein Man­tra wie­der­holt sich der Rei­gen un­auf­hör­lich und spielt auf die Un­mög­lich­keit von Dau­er und Ewig­keit an.
In Cy­prien Gail­lards (*1980, Pa­ris) Fo­to­se­rie Geo­gra­phi­cal Ana­lo­gies (2006-2011) ist die Ver­gäng­lich­keit be­reits mit der Aus­wahl des Ma­te­ri­als be­schlos­se­ne Sa­che. Der sich be­stän­dig wei­ter­ent­wi­ckeln­de Bil­de­r­at­las ist ein Schlüs­sel­werk sei­ner lang­jäh­ri­gen Er­for­schung des Ver­hält­nis­ses von Na­tur und Ar­chi­tek­tur. In ei­ner Art Schau­kas­ten prä­sen­tiert, zei­gen die Po­la­ro­id­se­ri­en ei­ne sehr per­sön­li­che Aus­wahl von Na­tur­stät­ten, my­thisch auf­ge­la­de­nen Or­ten, ge­bau­ten Denk­mä­lern und ur­ba­nem Le­ben im All­ge­mei­nen. Gail­lard geht es we­ni­ger um Ver­lust, auch wenn er im­mer wie­der Ver­fall und Zer­stö­rung do­ku­men­tiert. Viel­mehr ist er fas­zi­niert von den Trans­for­ma­tio­nen, de­nen un­se­re Um­welt un­ter­liegt. So steht die Bil­der­samm­lung ein­drück­lich für ei­ne Par­al­le­li­tät ver­schie­de­ner Zei­ten im Raum.
Ta­ti­a­na Trouvé (*1968, Con­sen­za) ver­steht den Pro­zess des Zeich­nens selbst als Ge­dan­ken­pro­zess: Im se­ri­el­len Zei­chen­vor­gang fin­det ei­ne stän­di­ge Pro­duk­ti­on im­mer neu­er Er­in­ne­rungs­räu­me statt. Die so ent­ste­hen­den Räu­me sind schwer fass­bar und er­schei­nen wie die Er­in­ne­rung selbst eher flu­id als sta­tisch. Es ent­steht der Ein­druck, dass das Ver­ges­se­ne und Ab­we­sen­de ge­nau­so Teil der Zeich­nun­gen ist wie das Sicht­ba­re. Dies ver­leiht den Ar­bei­ten ei­ne na­he­zu schlaf­wand­le­risch-träu­me­ri­sche Au­ra.
Bei Do­mi­ni­que Gon­zalez-Fo­ers­ters (*1965, Straß­burg) Raum­in­stal­la­tio­nen han­delt es sich um be­geh­ba­re Zim­mer, in de­nen sich bio­gra­fi­sche Er­in­ne­run­gen mit Re­mi­nis­zen­zen aus Li­te­ra­tur und Film ver­we­ben. Die von ihr ein­ge­rich­te­ten Wohn­räu­me er­zäh­len mit re­du­zier­ten Mit­teln, ins­be­son­de­re durch den prä­zi­sen Ein­satz von Licht und Far­be, von Men­schen und Er­eig­nis­sen. Die­se Ge­dächt­nis­kam­mern kön­nen au­to­bio­gra­fisch ge­prägt sein oder auch das Le­ben an­de­rer be­tref­fen, nie er­schöp­fen sie sich in der blo­ßen Dar­stel­lung ei­ner sub­jek­ti­ven Er­fah­rung, son­dern sind im­mer auch ein über das In­di­vi­du­um hin­aus­wei­sen­des Zeug­nis ei­ner be­stimm­ten Zeit.
Räu­me der Er­in­ne­rung ist ei­ne Aus­stel­lung mit No­mi­nier­ten und Preis­trä­gern des Prix Mar­cel Duch­amp. Seit 2000 wird der wich­tigs­te fran­zö­si­sche Preis für zeit­ge­nös­si­sche Kunst ein­mal jähr­lich von der ADIAF (As­so­cia­ti­on pour la Dif­fu­si­on In­ter­na­tio­na­le de l’Art Français – Ver­ei­ni­gung zur in­ter­na­tio­na­len Ver­brei­tung der fran­zö­si­schen Kunst), der et­wa 300 Pri­vat­samm­ler an­ge­hö­ren, an je­weils ei­nen in Frank­reich le­ben­den Künst­ler ver­ge­ben.

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