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Staatliche Kunsthalle Karlsruhe


Hans-Thoma-Straße 2-6
76133 Karlsruhe
Tel.: 0721 926 33 55
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Öffnungszeiten:

Di-Fr 10.00-17.00 Uhr
Sa, So 10.00-18.00 Uhr

Das besondere Blatt

01.01.2008 - 29.02.2008
Ein unspektakulärer Naturausschnitt: Unregelmäßige Felsblöcke säumen das Ufer eines plätschernden Baches, der sich von hinten rechts in den Bildvordergrund erstreckt. Prächtiger Huflattich wächst zwischen den Steinen, über denen zwei schmale Birkenstämme ihre zartgliedrigen Äste strecken. Viel mehr ist kaum zu entdecken auf diesem großen Blatt, das Johann Wilhelm Schirmer direkt vor der Natur mit Feder und Pinsel zeichnete. Die schnellen, locker gezogenen Umrisslinien offenbaren seinen frischen Blick auf das idyllische Fleckchen Erde, dessen atmosphärische Werte der Künstler mit einer schmalen Farbenpalette einfing. Er arbeitete vom Hellen ins Dunkle: So ließ er die von Licht beschienenen Steine und herzförmigen Blätter vor den in Grau- und Brauntönen verschatteten Partien im Papierton aufleuchten und die Wasseroberfläche in verschiedenen Helligkeitsstufen schillern. Schließlich akzentuieren einige Deckweißhöhungen die größten Gesteinsbrocken und den filigranen Baum, der sich als dunkle Kontur kontrastreich vor dem lichten Hintergrund abhebt. Auch die Wellen des Wassers werden mit weißen Pinsellinien hervorgehoben. In den Tiefenraum hinein wird der Duktus des Zeichners immer flüchtiger - graue Pinselschlieren bilden vage Andeutungen des belaubten und verschatteten Bachufers. Johann Wilhelm Schirmer gehört zu den bedeutendsten Landschaftsmalern der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ausgebildet an der Düsseldorfer Malerschuke und dort 1839 zum ersten ordentlichen Professor für Landschaftsmalerei ernannt, wurde er 1854 als Direktor der neu gegründeten Kunstschule nach Karlsruhe berufen. Seine Kunst vertrat die klassische Landschaftsmalerei, die an den akademischen Idealen und der Rangordnung der Bildgattungen festhielt: Naturschilderungen ohne Anbindung an einen historischen, antiken oder biblischen Inhalt rangierten dort an unterster Stelle. Erst eine entsprechende Figurenstaffage und eine klassischen Landschaftskomposition verliehen ihnen "heroischen" Charakter und machten sie zu hoch angesehenen Kunstwerken. In diesem Zusammenhang bildeten Studien vor der Natur wie diese Zeichnung willkommenes Übungsmaterial für die Studenten der Karlsruher Akademie und dienten als Vorlagen für im Atelier komponierte Ideallandschaften, doch nie hätte Schirmer dieses Blatt öffentlich ausgestellt. Heute dagegen gehören seine frischen Beobachtungen der Natur, die er schnell, unprätentiös und sicher auf das Papier bannte, zu seinen besonders geschätzten Werken. Im Kupferstichkabinett der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe befinden sich - teils aus Schirmers Nachlass - über 100 Zeichnungen, drei Skizzenbücher und etwa 30 Radierungen von seiner Hand.

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