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Kunsthalle Fridericianum


Friedrichsplatz 18
34117 Kassel
Tel.: 0561 707 270
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Öffnungszeiten:

Di-So 11.00-18.00 Uhr
Do 11.00-20.00 Uhr

Latifa Echakhch: Les sanglots longs

29.08.2009 - 15.11.2009
Die französisch-marokkanische Künstlerin Latifa Echakhch thematisiert in ihren Installationen und Videoarbeiten Nationalität, Staat, Gesellschaft, Religion, Geschichte und kulturelles Erbe. Echakhchs Arbeiten sind formal und sehr vielschichtig konzipiert. Sie gebraucht häufig das Symbolische als Bedeutungsträger, so dass sich hinter ihrer formalen Erscheinung tiefer greifende politische, religiöse und soziale Auseinandersetzungen offenbaren. Poetisch und politisch, delikat und gleichzeitig kritisch, intim aber öffentlich, entzieht Latifa Echakhch gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen, kulturell definierten Objekten oder Nationalsymboliken ihren ursprünglichen Kontext. Die unterschiedlichsten Materialien, wie etwa arabische Gebetsteppiche, städtische Parkbänke, Kohle, Zuckerhüte und -würfel, aber auch juristische und politische Dokumente sind Gegenstand und Werkzeug ihrer Arbeiten und erfahren in Echakhchs künstlerischer Umsetzung eine neue, weitere Bedeutung. Die Künstlerin benutzt und dekonstruiert diese Objekte, so dass das Publikum die sozialen Codes und Stereotypen, die ihnen inhärent sind, differenzierter wahrnehmen kann. Gerade durch diese De- und die darauf folgende Rekontextualisierung wird sowohl das Entziffern als auch das Überwinden sozialer Kodierungen ermöglicht. Zeichensysteme, welche außerhalb unserer Wahrnehmung von alltäglichen Zusammenhängen liegen, werden sichtbar gemacht, während weitere Interpretationen den Besucher/innen überlassen werden. Bei der Installation Fantasia (Empty Flag, Black) (2007-2009) montiert die Künstlerin eine Vielzahl schwarzer Fahnenstangen in einer verworrenen, sich überkreuzenden Struktur an der Wand. Die Flaggen fehlen. Ebenso sensibel wie eindrucksvoll wirken Echakhchs intime und dennoch öffentliche Auseinandersetzungen mit kulturellen Unterschieden, die auch ihre Existenz als marokkanische Immigrantin in Frankreich geprägt haben. In Principe d'Economie 1 (2005) stehen mehrere aus Marokko importierte Zuckerhüte auf dem Boden. Das phallisch geformte Genussmittel Zucker wirkt in diesem Ausstellungskontext ästhetisch skulptural, während in Principe d'Economie 2 (2005) sich die auf dem Boden verstreuten Zuckerwürfel diesem Arrangement entgegenstellen. Echakhch stellt hiermit nicht nur zwei verschiedene Arten der industriellen Bearbeitung von Zucker dar, sondern auch zwei unterschiedliche Gesellschaftsstrukturen einander gegenüber. Mit ihrer speziell für die Kunsthalle Fridericianum konzipierten, multimedialen Installation Les sanglots longs, Latifa Echakhchs erster Einzelausstellung in Deutschland, kreiert sie eine faszinierende Verschmelzung von literarischen Aspekten mit installativen Objekten und Musik. Les sanglots longs beleuchtet aus einer sehr dezenten künstlerischen Position sowohl politische Konfliktsituationen als auch gesellschaftliche Phänomene. Die Nummerierungen der den Israel-Palästina-Konflikt betreffenden UN-Resolutionen werden als Wandzeichnung gezeigt und zudem als Soundarbeit – eine Partitur für Piano komponiert – zu hören sein. Die musikalische Interpretation eines politischen Dokuments als eine die auditiven Sinne ansprechende Möglichkeit der Übersetzung dient auch der Künstlerin selbst als Erweiterung der Verständnisebenen. Vervollständigt wird die Installation von einer Formation spitz zulaufender Keile aus Dämmschaum und Beton, die zu ausschweifenden Inseln gruppiert den gesamten Raum ergreifen. Latifa Echakhch bezieht sich sowohl auf prägnante historische Ereignisse, wie bei der Arbeit Sans Titre (La Degradation) (2009), als auch auf aktuelle politische Entwicklungen. Verbunden sind die Realitäten von Vergangenheit und Gegenwart durch die Zeit und die ihr innewohnenden Prozesse. Mit ihrer Arbeit Trotteuse (1999), einem knapp zwei Meter langen Uhrzeiger, unterstreicht Echakhch zusätzlich die Zeit als wichtigen Faktor aller Installationen, die sie in Les sanglots longs inhaltlich und formal vereint. Zeit als Phänomen, das in Form von Dauer, Geschwindigkeit oder empfundener Endlosigkeit Einfluss auf Vorgänge nimmt, spielt in jeder der hier präsentierten Arbeiten auf unterschiedliche Weise eine Rolle.

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