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Künstlerhaus Graz


Burgring 2
8010 Graz
Tel.: 0316 740 084
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Öffnungszeiten:

Di-So 10.00-18.00 Uhr
Do 10.00-20.00 Uhr

wow! Woven? Entering the (sub)Textiles

13.06.2015 - 10.09.2015

Das Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien präsentiert mit „wow! Woven? Entering the (sub)Textiles" eine Ausstellung über zwei Ebenen des Hauses, die sich den vielfältigen Fragen widmet, die „Textilien“ als Medium und Material in einer an Vernetzungsmetaphern reichen Gegenwart in der Auseinandersetzung zeitgenössischer Kunstpraxen einnehmen.
Seit jeher in nahezu allen Kulturen in gesellschaftsprägender Verwendung scheint das Textile geradezu prädestiniert für inhaltliche politische Aufladung, Verwendung und Betrachtung auch außerhalb handwerklicher Kontexte und dessen Verhandelbarkeit auf einer künstlerischen Ebene. Präzise Befragungen hinsichtlich seiner allgemeinen Vertrautheit, seiner sinnlichen Qualität, seiner ihm primär eingeschriebenen Merkmale und seines über Jahrtausende global entwickelten Reichtums an Webarten, Texturen und Arbeiten unternahmen in jüngerer Vergangenheit zahlreiche große und umfassende Ausstellungsprojekte, die zu einer Renaissance und einer Neubewertung des Textilen beitrugen und seine die klassisch-hierarchische Werk-, Bild- und Objektbegriffe hinterfragende Qualität betonen konnten. „wow! Woven? Entering the (sub)Textiles" akzentuiert seinen Ausstellungsfokus schwerpunktmäßig auf Arbeiten, die Aspekte künstlerisch investigativer Auseinandersetzungen mit der Geschichte und Rolle der Textilindustrie innerhalb einer kapitalistischen Form der Warenproduktion und der Art der Organisation der Produktionsweisen dabei anführen.
Ausstellungsteilnehmer Rubén Grilo etwa kehrt anhand einer Reihe von Denim-Stoff-Arbeiten den Beginn der Industrialisierung als einen Wendepunkt unserer Beziehung mit Technologien hervor: Einst Synonym für einen strapazierfähigen Stoff der arbeitenden Klasse und später Symbol westlich individueller Freiheitsversprechen werden heutzutage Abnutzungserscheinungen der Jeans in digitalen Prozessen designt und durch Laserbestrahlung vorgenommen, noch ehe sie in den Handel gelangen. Ein Akt, welcher die eine Jeans vormals spezifisch abnützende Faktoren wie Arbeit, Körper und Zeit zur bloßen Simulation verkommen lässt und damit veränderte Körper-Arbeit-Verhältnisse verdeutlicht. Die Künstlerin Sascha Reichstein wiederum untersucht in ihrer großen installativen Video-Arbeit „The Production of Tradition" anhand der ausgesourcten Herstellung traditioneller Bekleidung am Beispiel der Trachten-Lederhose in Sri Lanka unter anderem die Auflösung einstiger örtlichen Entsprechungen folgende Formen der Verarbeitung und dem vorausgehenden Verlust traditioneller Handwerkstechniken, regionaler Unterscheidbarkeit sowie Möglichkeit lokaler Zuordnung.
Die weitreichende Geschichte der bis heute unverändert prekären Arbeitsverhältnisse innerhalb der Textilindustrie und des revolutionären Potenzials der Textil-Arbeiter_innen gegen diese Missstände thematisiert Judith Raum in ihrer in der Ausstellung vertretenen Recherche-Arbeit „disestablish", welche erste Weber_innen-Aufstände des 14. Jahrhunderts in Norditalien zum Ausgang nimmt und das Textile als Trägermaterial sozialer Konflikte zeigt, wobei im Aufzeigen dieser wieder auf Banner aus Textil zurückgegriffen wird.
Auch die Zusammenarbeit in Form des langfristigen und fortwährenden Recherche-Projekts „LOOMSHUTTLES/WARPATHS" von Ines Doujak und John Barker untersucht ausgehend von Frühformen des globalen Kapitalismus die komplexen Verhältnisse von Stoff, Bekleidung und Kolonialismus. Als Teil dieses werden die Künstler_innen am Eröffnungsabend zudem Hemden aus ihrer das Projekt begleitenden Haute Couture-Kollektion zum Verkauf darbieten. Auf diesen wird die knappe Auftragskalkulation auf Kosten der Sicherheitsvorkehrungen der in den Textilfabriken arbeitenden Näher_innen am Beispiel eines Kleidungsstückes selbst visualisiert.
Vor diesem inhaltlichen, im Besonderen die Produktionsprozesse reflektierenden Hintergrund der angeführten Arbeiten versammelt „wow! Woven? Entering the (sub) Textiles" eine Vielzahl weiterer ausgewählter Arbeiten, die eine reflexive Spannbreite der Verwendung des Textilen zwischen greifbarem Material, bedeutungstragendem Medium, Technik und Idee aufführen, die die generelle Fragilität des Materials vergegenwärtigen, mediale Übersetzungen wagen und ihre anhaltende Faszination belegen. Darunter befinden sich so außerordentliche Positionen wie Heidi Bucher, Sheila Hicks, Helena Huneke und Ingrid Wiener.

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