K21 Ständehaus - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Ralph Richter, Kunstsammlung NRW
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K21 Ständehaus - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

K21 Ständehaus, Foto: Ralph Richter
K21 Ständehaus, Foto: Ralph Richter
K21 Ständehaus - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Ralph Richter, Kunstsammlung NRW
K21 Ständehaus - Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Foto: Ralph Richter, Kunstsammlung NRW

Ständehausstr. 1
40217 Düsseldorf
Tel.: 0211 83 81 204
Homepage

Öffnungszeiten:

Di-Fr 10.00-18.00 Uhr
Sa, So 11.00-18.00 Uhr
1. Mi im Monat 10.00-22.00 Uhr

Gregor Schneider- Weisse Folter

17.03.2007 - 15.07.2007
Gregor Schneider, geboren 1969 in Rheydt, ist Anfang der 90er Jahre mit subtilen, kaum wahrnehmbaren Raumeingriffen wie Verdoppelungen existierender Wände und Räume in Galerien und Museen an die Öffentlichkeit getreten. Später wurden ganze Teile des von Schneider über Jahrzehnte immer wieder umgebauten, so genannten Haus u r in Rheydt ausgebaut und auf eine internationale Ausstellungstournee geschickt. Den Höhepunkt der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Haus u r markierte der Beitrag von Gregor Schneider bei der Biennale in Venedig im Jahr 2001, als er dem Deutschen Pavillon einen Komplex aus 22 Zimmern, Fluren und Abseiten einpflanzte ein Werk, für das er die begehrte Auszeichnung des Goldenen Löwen der Venedig Biennale erhielt. Schon früh äußerte der Künstler, dass ihn die „Beschäftigung mit dem Unbekannten“ fasziniere: „Und je mehr ich mich damit beschäftige, desto unbekannter wird es für mich. Das ist für mich die Herausforderung, nämlich es auszuhalten, immer weiter auf der Stelle zu treten.“ In den letzten Jahren stellt sich Gregor Schneider dieser Herausforderung im Kontext seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten, öffentlich jedoch nicht zugänglichen Räumen. Die Bandbreite erstreckt sich hier von einem religiösen Zentrum (der Kaaba in Mekka) über einen Kinderstrich (Steindamm, Hamburg) bis zu einem Hochsicherheitstrakt auf Kuba (Camp V, Guantánamo Bay). Die Kunstsammlung präsentiert einen neuen, eigens für die Ausstellung konzipierten Werkkomplex des Künstlers. Eine Abfolge von gebauten und begehbaren Räumen ist in die bestehende Architektur des Museums eingesetzt: Lange Korridore und enge Zellen, die gleichermaßen an Intensivstationen und an Isolationshaft erinnern und als Schutz und Gefängnis, als Orte der übersteigerten Zuwendung oder auch der sozialen und sensorischen Deprivation verstanden werden können. Einzelne Räume wecken Vorstellungen von Gefängniszellen, von Verhörräumen, von Wartezonen oder auch von Orten des überwachten Freigangs. Die künstlerische Strategie der Verdoppelung, welche Gregor Schneiders Œuvre durchzieht, findet hier ihre Anwendung. Ausgangspunkt der Ausstellung sind im Internet kursierende Bilder des US-amerikanischen Hochsicherheitsgefängnisses Camp V in Guantánamo Bay auf Kuba, das sich doch gerade als „Niemandsland“ den Blicken der Öffentlichkeit zu entziehen versucht. Auch der Titel der Ausstellung nimmt diese Ebene des Heimlichen und Verborgenen auf. „Weiße Folter“, auch „Saubere Folter“ genannt, bezeichnet Foltermethoden, die darauf abzielen, die Psyche des Menschen zu zerstören, keine äußerlich sichtbaren Spuren zu hinterlassen und damit nur schwer nachweisbar sind. Durch ein Fehlen von Spuren menschlicher Lebensäußerungen und von narrativen Details widersetzen sich die Räume Schneiders trotz ihres Rückgriffs auf eine real existierende Vorlage einer schnellen, offensichtlichen Ein- und Zuordnung. Sie scheinen uns auf befremdliche Weise vertraut und bekannt, ohne dass wir sie an eine konkrete Situation oder an einen bestimmten Ort rückkoppeln könnten. In ihrer abstrakt-kristallinen Reinheit und ihrer dramaturgischen Sequenz entwickeln sie eine gleichsam zwingende Dimension, deren Sog man sich nur schwer zu entziehen vermag. Ein Wechselspiel von Vermutungen, Ahnungen und unbewussten Erinnerungen beginnt und lässt die Grenze von Realität und Imagination, von Vertrautem und Unbekanntem verschwimmen. Das Wechselspiel von Licht und Dunkelheit, von Wärme und Kälte, Bewegung und Stillstand, Nähe und Distanz sowie das bewusste Einsetzen oder der Entzug von Sinnesreizen halten neue und ungewohnte Erfahrungen bereit. Sich darauf einzulassen bedeutet, die herkömmliche Selbst- und Raumwahrnehmung über Bord zu werfen, und damit auch die eigene Befindlichkeit und Verortung in der Welt zu hinterfragen. Auf diese Weise vermag es die Ausstellung, existentielle Fragen nach der conditio humana in der heutigen Welt zu stellen.

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