© andreas130 / www.fotolia.de
KULTURpur - Wissen, wo was läuft!

Bielefelder Kunstverein


Welle 61
33602 Bielefeld
Tel.: 0521 17 88 06
Homepage

Öffnungszeiten:

Do,Fr 15.00-19.00 Uhr
Sa,So 12.00-19.00 Uhr
Mo, Mi n.V.

Transparenzen - Zur Ambivalenz einer neuen Sichtbarkeit

07.11.2015 - 17.01.2016

Die globalisierte Welt erscheint uns durchsichtig und undurchsichtig zugleich. Das Verlangen nach mehr Transparenz in der Kommunikation, Politik und Wirtschaft einerseits und der Verlust von Privatsphäre durch die absolute Verfügbarkeit von Informationen andererseits ist seit einiger Zeit ein allgegenwärtiges Dilemma in unserer Gesellschaft. Trotz des grundsätzlich positiven Versprechens der Transparenz werden aktuell verstärkt Zweifel an ihrer Auswirkung auf die Gemeinschaft und das Verständnis von Öffentlichkeit artikuliert. Auf der Ebene der privaten Nachrichtenübermittlungen ist beispielsweise ein großes Gefühl der Unsicherheit spürbar: Zwar schätzen wir den freien Datenaustausch im Internet, zugleich sind wir gegen eine gläserne Gemeinschaft, in der persönliche Daten von Algorithmen kontrolliert werden. Dementsprechend haben sich im Zeitalter digitaler Daten die kulturhistorischen Vorstellungen zur Transparenz grundlegend verändert.
»Transparenzen« untersucht die kulturellen Facetten und Atmosphären dieser (Un-) Durchsichtigkeit. In zwei Ausstellungsteilen, in Bielefeld und Nürnberg, widmet sich das Kooperationsprojekt den Entwicklungen einer »Transparenzgesellschaft« und fragt, wie diese in aktuellen Arbeiten zeitgenössischer KünstlerInnen reflektiert werden. Dabei setzen sich die beteiligten KünstlerInnen mit dem Paradigma der Transparenz und der Ambivalenz des Begriffs auf vielschichtige Weise auseinander. Sie beschäftigen sich mit den Folgen eines von Algorithmen und Datensammlungen unterstützten Durchschauens unserer Lebenswelt oder thematisieren ein verändertes Verhältnis zur Privatheit. Ebenso vermitteln sie einen kritischen Umgang mit der Post-Privacy-Gesellschaft durch Verweigerungsstrategien oder bewusste Offenlegung von Daten. Der zwischenmenschliche Austausch sowie dessen mögliche Kontrolle werden ebenfalls zu einem zentralen Untersuchungsgegenstand. Neben diesen Effekten des fortschreitenden und sich medial erweiternden Informationszeitalters untersuchen die Arbeiten auch die grundlegende Bedeutung von Präsenz und Absenz, das Potenzial von Enthüllung und Verhüllung sowie den Umgang mit Wissensvermittlung und Unwissenheit innerhalb unserer Gesellschaft. Dabei bewegen sich die KünstlerInnen inhaltlich in unterschiedlichen Feldern und fokussieren Transparenz in Hinblick auf die Kommunikation, Politik, Zeitgeschichte, Ökonomie, Soziologie oder (Meeres-)Biologie.
Die Erfahrung der Transparenz innerhalb der Ausstellung wird durch die zeitgleichen Präsentationen in Bielefeld und Nürnberg verstärkt. Alle KünstlerInnen sind an beiden Orten vertreten, doch setzen sie andere thematische und räumliche Akzente innerhalb ihrer Werke. Beide Ausstellungen sind nicht nur inhaltlich, sondern auch über verschiedene Medien und künstlerische Beiträge miteinander verknüpft. So werden beispielsweise Informationen und Werke bewusst zurückgehalten, nur ausschnitthaft oder gar nicht erst präsentiert, sodass auch das Ausstellungsthema am jeweils anderen Ort in seiner Wandelbarkeit deutlich wird. Mit den beiden korrespondierenden Präsentationen wird nicht nur ihre Parallelität betont, sondern auch Übergänge von Transparenz und Opazität für die BesucherInnen erfahrbar gemacht.
Bereits im Vorfeld zur Ausstellung hat das Grafikbüro Metahaven mit einer Familie von Logotypen ein eigenes visuelles Erscheinungsbild für »Transparenzen« entwickelt, welches sich auf die Corporate Identity vermeintlich »transparenter« Produkte, wie Klarlacke oder Unternehmen wie Volkswagen bezieht und davon ableitet. Eine weitergehende Reflexion zum Thema der Transparenz wird auch mit einer wissenschaftlichen Tagung, einer Reihe von Ausstellungsgesprächen, Workshops und einer gemeinsamen Projektwebsite (www.transparencies.de) angeregt. »Transparenzen« ermöglicht damit eine weitergehende kulturhistorische Einordnung und erfasst gleichzeitig die (Grenz-)Erfahrungen einer neuen Sichtbarkeit aus gegenwärtiger Perspektive. Zum Abschluss des Projekts erscheint ein umfassendes Katalogbuch mit weiterführenden Texten von Emmanuel Alloa, Clare Birchall, Simone Neuenschwander, Manfred Schneider und Thomas Thiel.

KULTURpur empfehlen