Raumansicht der Ausstellung "Kunststipendien der Stadt Zürich 2019", Foto: Zoe Tempest
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Helmhaus

Foto: fbm studio
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Raumansicht der Ausstellung "Kunststipendien der Stadt Zürich 2019", Foto: Zoe Tempest
Raumansicht der Ausstellung "Kunststipendien der Stadt Zürich 2019", Foto: Zoe Tempest

Limmatquai 31
8001 Zürich
Tel.: 044 415 56 77
Homepage

Öffnungszeiten:

Di-So 11.00-18.00 Uhr
Do 11.00-20.00 Uhr

Grösser als Zürich - Kunst in Aussersihl

24.02.2012 - 22.04.2012
Zürich-Aussersihl ist das kreative Zentrum der Stadt: Wer Kunst macht, wer sich dafür interessiert, kommt am Kreis 4 kaum vorbei. Das Helmhaus Zürich widmet dieser auf kleinstem Raum konzentrierten Kreativität eine grosse Ausstellung und ein reiches Veranstaltungsprogramm mit über 300 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. Gleichzeitig erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess das Buch «Grösser als Zürich - Ein kleines Psychogramm des Zürcher Stadtquartiers Aussersihl». Die Ausstellung ist eingebettet in die Gegenwart - und blickt in die Vergangenheit zurück. Für einmal ergibt sich Qualität auch aus schierer Quantität: 222 Positionen aus der Bildenden Kunst, 48 auftretende Autorinnen und Autoren, 6 Konzerte und 12 Filme, die im Kino Stüssihof gezeigt werden: Sie alle verbindet ein Ort, ein Klima, eine Geschichte und eine Vision - Zürich-Aussersihl, der Kreis 4, wo die Künstlerinnen und Künstler gewohnt, gearbeitet, eine Arbeit realisiert haben. Oder: Das alles immer noch tun. Die Gemeinde Aussersihl war bei ihrer Eingliederung in die Stadt Zürich im Jahr 1893, was Fläche und Einwohnerzahl anbelangt, grösser als die ganze damalige Stadt. Aussersihl, heute den Kreis 4 bezeichnend, galt als Ort der Industrie, der Eisenbahn; des Proletariats, der Immigration - und gilt noch heute als Ort des multikulturellen Zusammenlebens, des Erfindungsgeists, der Kreativität und der menschlichen Würde. Weil hier auf kleinstem Raum so viele Kulturschaffende arbeiten, weil hier das kreative Potenzial von Zürich wohnt und arbeitet, ist der Kreis 4 auch ideell - und praktisch - grösser als Zürich: Es wimmelt von emsigen Initiativen, Überlebensstrategien, von innovativen Werkstätten. Die Kreativarbeitenden teilen und vermitteln sich Büros und Aufträge, über die Disziplinen hinweg. Jede kennt jeden, und man lässt einander nebeneinander leben. Der Kreis 4 ist das kreative Zentrum der Stadt, das massgeblich zur Entwicklung Zürichs beiträgt: Hier wird produziert, was weit über Aussersihl hinaus dann auch präsentiert wird. Hier sind bedeutende Keimzellen von Zürichs kultureller Ausstrahlung zu Hause. Sie bilden ein soziokulturelles Biotop, das in der Schweiz einzigartig ist und auch international Modellcharakter beanspruchen darf. Diese Stadt in der Stadt weckt einen Weltzauber zwischen Klein- und Grossstadt, verhandelt täglich neu austarierte Mischungen von Kontrolle und Anonymität, von Eigenem und Fremdem. Die Magnete Moral und Freiheit kennen sich. Sie grüssen sich, ohne die Konflikte zu verdrängen. Die Halbwelt schützt die existenziellen Nischen vor krampfhaft spassiger Überflutung. Aussersihls Grenzen manifestieren eine Integrationskraft ohne Assimilationszwang. 99 ansässige Nationen weist das Amt für Statistik gegenwärtig im Kreis 4 aus - mit der Schweiz sind es hundert. Gleichzeitig existieren Multikulti und Parallelgesellschaften - ein interkulturelles Lebensexperiment sondergleichen. Der Sprachgebrauch mag etwas ruppiger sein, doch so direkt, wie die Konflikte des Alltags ausgehandelt werden, ist er redlicher und möglicherweise: krisenresistenter. Dieses Quartier einmal anders zu zeigen, liegt in der Luft. Zürich-Aussersihl - auch «Kreis Cheib» genannt - hat nicht den besten Ruf. Sein Rückgrat ist die lokale Rotlichtmeile, mit Verzweigungen ins Drogenmilieu, in die Korruption und Kriminalität. An diesem Ort, wo das Gemeinsame darin besteht, dass alle anders sind, haben sich Emigranten und Kreative seit jeher am wohlsten gefühlt. Hier wurden Künstler geboren wie die drei Gebrüder Gubler, hier spazierten James Joyce und Robert Walser, hier legten Gottfried Honegger und René Burri los. Hier hat sich gerade in jüngeren Jahren wieder eine Vielzahl von Kreativen angesiedelt, aus allen Bereichen: Kunst, Musik, Mode, Grafik, Architektur, Literatur, Film. Hier wurden und werden theoretische Diskurse ausgetragen, manchmal mit praktischen Folgen. Hier kamen und kommen soziale Spannungen an die Ober-fläche: von der Arbeiterbewegung, die 1918 unrühmlich niedergeschlagen wurde, über die gesellschaftlichen und kulturellen Befreiungsbewegungen von 1968 und 1980 bis zu «Reclaim the Streets» heute.

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